Tschernitz-Berger, Elisabeth: Andere Realität
Kleine Zeitung, 25. 7. 2012, 13
AUFWECKER
ELISABETH TSCHERNITZ-BERGER
Das mit den Krankenständen ist so eine Interpretationssache: In den vergangenen 20 Jahren sind sie in Österreich von 15,2 auf 12,9 Tage gesunken. Dafür haben sich die Kurzkrankenstände von bis zu drei Tagen verdoppelt. Der Wirtschaftsbund nennt das lapidar “Krankfeiern”. Krankfeiern -schon das Wort ist ein Widerspruch in sich – wird sicherlich da und dort vorkommen und vielleicht auch von “wohlmeinenden” Ärzten durch fadenscheinige Bescheinigungen unterstützt. Die Realität dürfte jedoch eine andere sein: Weil der Druck auf Arbeitnehmer steigt und viele um ihren Arbeitsplatz fürchten, riskieren sie nur noch Kurzkrankenstände.
Eine gefährliche Entwicklung. Mitarbeiter, die sich krank in den Betrieb schleppen und andere anstecken, nützen niemandem. Wenn der erste Krankenstandstag vom Arbeitnehmer getragen werden muss, ist die Gefahr groß, dass Marode am Arbeitsplatz erscheinen.
Es ist richtig, dass die Kosten für Betriebe in den letzten Jahren unerträglich geworden sind: Die Lohnnebenkosten explodieren, viele Sozialleistungen müssen über den Familienlastenausgleichsfonds mitgetragen werden. Dass sie einmal “Stopp” sagen, ist verständlich. Doch die Krankenstände anzugreifen, ist fahrlässig. Sind doch gesunde und leistungsfähige Mitarbeiter das größte Kapital der Unternehmen.
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