Fettleibigkeit nimmt zu – Ursache “Einkommensungleichheit” wird verschwiegen

von Andreas Exner

Zur größten Gesundheitsgefahr werde in den reichen Ländern zunehmend die Fettleibigkeit, meint die OECD und spricht von einem Besorgnis erregenden Trend, berichtet die Kleine Zeitung online [25.11] Die Ursachen werden verschwiegen – auch von der Kleinen Zeitung. In der Tat befürchten Wissenschafter*innen, dass sich die Lebenserwartung erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg in manchen Ländern wieder reduzieren könnte. Namentlich in den USA, wo rund 30% der Bevölkerung fettleibig und etwa 75% übergewichtig sind.

Doch was sind die Ursachen?

Nach 30 Jahren Neoliberalismus und beständiger Propaganda individueller Vorsorge, würden die allermeisten wohl auf mangelnde Aufklärung, fehlende Bewegung und falsche Ernährung tippen. Das tut auch die Kleine Zeitung, sekundiert von allerlei Ärzten, die sich um die Erkenntnisse der Public Health-Forschung wenig kümmern und ihrer Leserschaft.

Klingt logisch, ist aber falsch.

In Wahrheit führt die (wachsende) Einkommensungleichheit zur ständig steigenden Fettleibigkeit. Das haben viele wissenschaftliche Studien, darunter die Arbeiten von Richard Wilkinson und Kate Pickett eindeutig nachgewiesen. Menschen in einkommensungleichen Gesellschaften machen weniger Bewegung und nehmen mehr Kalorien pro Kopf zu sich. Auch der Stoffwechsel verändert sich. Kalorien werden verstärkt im Hüftbereich angelagert. Daran schuld ist der intensive soziale Dauerstress, der mit der Statuskonkurrenz in ungleichen Gesellschaften einhergeht. Ein Umstand, der in mehr als hundert Studien belegt worden ist.

Dies führt auch dazu, dass Essen zu einer Art Betäubungsmittel gegen den Statusstress wird. Diesen Mechanismus konnte man in Experimenten mit Ratten deutlich machen: Ratten, die unter Stress stehen, nehmen mehr Zucker und Fett zu sich.

Dass auch beim Menschen die Ungleichheit den Ausschlag gibt, zeigt unter anderem die Verteilung von Fettleibigkeit und Übergewichtpro Einkommensgruppe: schon die zweitreichste Einkommensschichte weist einen höheren Anteil an Fettleibigen und Übergewichtigen auf als das reichste Level. Übergewicht und Fettleibigkeit sind also keineswegs ein spezifisches Problem der Armen. In den USA gelten rund 12% der Menschen als arm, übergewichtig aber sind, wie schon erwähnt, rund 75%.

Was daraus folgt?

Sicherlich nicht, was die Kleine Zeitung für notwendig hält, indem sie klagt: “Begriffe wie Fettsteuer oder gestaffelte Krankenkassebeiträge für Vorsorge-Muffel sind in der Politik sowieso tabu.” Richtig, solche Maßnahmen sind tabu, weil sie am Problem vorbei gehen. Sie machen Individuen verantwortlich für das Leiden, das die Einkommensungleichheit und die damit einhergehende Statuskonkurrenz verursacht.

Anstatt die soziale Ungleichheit mit einer individualisierten “Vorsorge” (die ohnehin erfolglos bleiben würde, weil sie die Ursachen nicht erreicht) noch weiter zu verschärfen, muss vielmehr die Einkommensungleichheit abgebaut werden. Dazu können Steuerreformen dienen, die Einkommen von oben nach unten rückverteilen. Viel wichtiger noch wäre aber derAufbau einer solidarischen Ökonomie, wie auch Wilkinson und Pickett sie propagieren. In solidarökonomischen Betrieben begegnen sich die Menschen  als Gleiche. Sie kooperieren auf derselben Augenhöhe. Der Aufbau solidarischer Ökonomie, die derzeit erst in Ansätzen existiert, bedeutet, Betriebe verstärkt in das Eigentum der Tätigen zu überführen. In einem solidarökonomischen Betrieb werden Entscheidungen gleichberechtigt getroffen, ein Management im üblichen Sinn gibt es nicht oder es wird gewählt. Beispiele für solche demokratischen Unternehmensformen gibt es viele. Die Mega-Kooperative Mondragon ist eines davon.

Auf dass wir nicht länger den Gram über Ungleichheit und Konkurrenz in uns hineinstopfen müssen.

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