Voves bricht Menschenrecht. Streik gegen 25%-Kürzung ist Recht

Alle haben das Menschenrecht auf den höchsten erreichbaren Gesundheitszustand. Österreich hat sich dazu rechtlich verpflichtet. Das Kürzungspaket von Voves und seiner Truppe wird die Ungleichheit verstärken und den Zugang zum Gesundheitswesen einschränken. Angesichts steigender Produktivität und wachsender Profite sowie vollkommen ausreichender materieller Ressourcen für ein gutes Gesundheitswesen für alle ist ein solcher Angriff nicht zu rechtfertigen. Er verstößt gegen die Menschenrechte. Wirksamer und unverzüglicher Widerstand ist notwendig.

von Andreas Exner

Wenig scheint bekannt, dass Gesundheit kein Gnadenakt von Staat und Kapital ist, sondern ein Menschenrecht. Österreich hat sich dazu verpflichtet, es zu respektieren. Die von Hrn. Voves und seiner Truppe geplante 25%-Kürzung des Budgets für Gesundheit, Soziales, Bildung und Kultur, woran Kürzungen im Gesundheits- und Sozialbereich einen großen Anteil haben, bricht das Menschenrecht auf Gesundheit. Erstens, weil der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, -einrichtungen und -gütern und für die Gesundheit notwendigen Sozialdienstleistungen eingeschränkt wird. Zweitens, weil damit die ohnehin schon viel zu große Ungleichheit weiter zunimmt. Ungleichheit aber, das zeigt eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien, führt zu gesundheitlichen Schäden und einer Verkürzung der Lebenserwartung [1].

Kurz gesagt: Voves bricht Menschenrecht.

Nun kann man freilich behaupten, Hrn. Voves und seine Truppe hat nicht zu interessieren, wozu sich Österreich verpflichtet hat. Das denke ich nicht. Menschenrechte sind unteilbar und die Steiermark ist Teil eines Staates, der sich dazu rechtlich verpflichtet hat, “das Recht eines jeden und einer jeden, den höchsten erreichbaren Standard physischer und mentaler Gesundheit” (eigene Übersetzung) zu erfüllen.

Im Wortlaut sagt Punkt 1, Art. 12 des International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights (ICESCR):

 The States Parties to the present Covenant recognize the right of everyone to the enjoyment of the highest attainable standard of physical and mental health.

Der ICESCR trat 1978 in Kraft. Er wurde von Österreich 1973 unterzeichnet und 1978 ratifiziert.

Das Committee on Economic, Social and Cultural Rights ist die höchste Autorität der Auslegung des ICESCR. Es verfasst so genannte General Comments, worin es die im ICESCR niedergelegten Menschenrechte erläutert. Der General Comment Nr. 14 (2000) behandelt das Recht eines jeden Menschen auf den “höchsten erreichbaren Standard physischer und mentaler Gesundheit.

Zuerst einmal hält das Committee fest, dass man das Menschenrecht auf Gesundheit in engem Zusammenhang mit den anderen Menschenrechten sehen muss, darunter das Menschenrecht auf Nahrung, Wohnung, Arbeit, Bildung, Würde, Leben, Schutz vor Diskriminierung, Gleichheit, Schutz vor Folter, Schutz der Privatsphäre, Zugang zu Informationen und den Menschenrechten auf freie Vereinigung, Versammlung und Bewegungsfreiheit.

These and other rights and freedoms address integral components of the right to health

stellt das Committee fest (Punkt 3; vgl. auch Punkt 4). Das Committee betont, dass das Menschenrecht auf Gesundheit eine “große Bandbreite sozio-ökonomischer Faktoren umfasst, die Bedingungen befördern, unter denen Menschen ein gesundes Leben führen können” (eigene Übersetzung). Punkt 4 des General Comment erklärt:

In drafting article 12 of the Covenant, the Third Committee of the United Nations General Assembly did not adopt the definition of health contained in the preamble to the Constitution of WHO, which conceptualizes health as “a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity”. However, the reference in article 12.1 of the Covenant to “the highest attainable standard of physical and mental health” is not confined to the right to health care. On the contrary, the drafting history and the express wording of article 12.2 acknowledge that the right to health embraces a wide range of socio-economic factors that promote conditions in which people can lead a healthy life, and extends to the underlying determinants of health, such as food and nutrition, housing, access to safe and potable water and adequate sanitation, safe and healthy working conditions, and a healthy environment.

Das Committee hält fest (Punkt 8), dass die Kernverpflichtung des Menschenrechts auf Gesundheit ein “System zum Schutz der Gesundheit, das allen Menschen gleichermaßen ermöglicht, das höchste erreichbare Gesundheitsniveau zu genießen, inkludiert” (eigene Übersetzung):

(…) the entitlements include the right to a system of health protection which provides equality of opportunity for people to enjoy the highest attainable level of health.

Genauer gesagt (Punkt 9) besteht das Menschenrecht auf Gesundheit im Recht, eine “Bandbreite an Einrichtungen, Gütern, Dienstleistungen und Bedingungen zu genießen, die für die Realisierung des höchsten erreichbaren Gesundheitsstandards notwendig sind” (eigene Übersetzung):

(…) the right to health must be understood as a right to the enjoyment of a variety of facilities, goods, services and conditions necessary for the realization of the highest attainable standard of health.

Eine der Kernverpflichtungen (Punkt 43, a) besteht im “Recht auf Zugang zu Gesundheitseinrichtungen, -gütern und -dienstleistungen auf Grundlage der Nicht-Diskriminierung, insbesondere für verwundbare oder marginalisierte Gruppen” (eigene Übersetzung):

To ensure the right of access to health facilities, goods and services on a non-discriminatory basis, especially for vulnerable or marginalized groups

Das Menschenrecht auf Gesundheit bezieht sich auf damit zusammenhängende Fragen der Ressourcenverteilung und der Geschlechtergerechtigkeit (Punkt 10). Es beinhaltet ebenfalls “die Teilnahme der Bevölkerung an allen gesundheitsbezogenen Entscheidungen auf der Ebene der Gemeinde sowie national und international” (Punkt 11, eigene Übersetzung).

Das Committee stellt klar, dass Gesundheitsdienstleistungen erschwinglich sein müssen (Punkt 12, b, iii). Dies bedeutet, “dass ärmere Haushalte im Vergleich zu reicheren Haushalten nicht überproportional durch Gesundheitsausgaben belastet werden dürfen” (eigene Übersetzung):

Economic accessibility (affordability): health facilities, goods and services must be affordable for all. Payment for health-care services, as well as services related to the underlying determinants of health, has to be based on the principle of equity, ensuring that these services, whether privately or publicly provided, are affordable for all, including socially disadvantaged groups. Equity demands that poorer households should not be disproportionately burdened with health expenses as compared to richer households.

Unmissverständlich hält das Committee in Punkt 18 fest, dass “in Zeiten schwerwiegender Ressourcenlimitierungen, die verwundbaren Mitglieder der Gesellschaft durch die Einrichtung relativ billiger Programme geschützt werden müssen” (eigene Übersetzung):

The Committee recalls General Comment No. 3, paragraph 12, which states that even in times of severe resource constraints, the vulnerable members of society must be protected by the adoption of relatively low-cost targeted programmes.

Die allgemeinen rechtlichen Verpflichtungen, die Österreich mit dem ICESCR eingegangen ist, beinhalten die Pflicht, (1) unmittelbare konkrete Schritte unabhängig von der Ressourcenausstattung zu setzen (gleicher Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen; konkrete, unverzügliche und zielgenaue Schritte zur Verwirklichung des Rechts auf Gesundheit), (2) keinen Rückschritt im Ausmaß der Verwirklichung des Rechts auf Gesundheit zuzulassen:

30. While the Covenant provides for progressive realization and acknowledges the constraints due to the limits of available resources, it also imposes on States parties various obligations which are of immediate effect. States parties have immediate obligations in relation to the right to health, such as the guarantee that the right will be exercised without discrimination of any kind (art. 2.2) and the obligation to take steps (art. 2.1) towards the full realization of article 12. Such steps must be deliberate, concrete and targeted towards the full realization of the right to health.

31. The progressive realization of the right to health over a period of time should not be interpreted as depriving States parties’ obligations of all meaningful content. Rather, progressive realization means that States parties have a specific and continuing obligation to move as expeditiously and effectively as possible towards the full realization of article 12.

32. As with all other rights in the Covenant, there is a strong presumption that retrogressive measures taken in relation to the right to health are not permissible. If any deliberately retrogressive measures are taken, the State party has the burden of proving that they have been introduced after the most careful consideration of all alternatives and that they are duly justified by reference to the totality of the rights provided for in the Covenant in the context of the full use of the State party’s maximum available resources.

Punkt 47 hält unmissverständlich fest, dass das Recht auf Gesundheit im oben dargelegten Sinn von keiner Bedingung abhängig ist. Es ist insbesondere unabhängig von wirtschaftlichem Wachstum, und hängt lediglich von der Verfügbarkeit der dafür notwendigen Ressourcen ab. Wenn ein Staat behauptet, er verfüge nicht über die nötigen Ressourcen, so muss er nachweisen, dass er dennoch alle verfügbaren Ressourcen, um das Menschenrecht auf Gesundheit zu wahren, ausgeschöpft hat:

47. In determining which actions or omissions amount to a violation of the right to health, it is important to distinguish the inability from the unwillingness of a State party to comply with its obligations under article 12. This follows from article 12.1, which speaks of the highest attainable standard of health, as well as from article 2.1 of the Covenant, which obliges each State party to take the necessary steps to the maximum of its available resources. A State which is unwilling to use the maximum of its available resources for the realization of the right to health is in violation of its obligations under article 12. If resource constraints render it impossible for a State to comply fully with its Covenant obligations, it has the burden of justifying that every effort has nevertheless been made to use all available resources at its disposal in order to satisfy, as a matter of priority, the obligations outlined above. It should be stressed, however, that a State party cannot, under any circumstances whatsoever, justify its non-compliance with the core obligations set out in paragraph 43 above, which are nonderogable.

Im Klartext: Die Behauptung, es müsse bei der Gesundheit gespart werden, (weil die politische Klasse zuvor einen Teil des Bankkapitals mit Steuergeld vor dem Bankrott bewahrt hat), ist menschenrechtswidrig. Österreich hat sich vielmehr dazu verpflichtet, die dem Staat maximal verfügbaren Ressourcen (eigene Übersetzung) einzusetzen, um Rückschritte in der Gesundheitsversorgung zu verhindern.

Bei ausreichend verfügbaren materiellen Ressourcen in der Steiermark und in Österreich insgesamt (Personal, Gebäude, produktive Kapazitäten etc.) kann keine Rede davon sein, dass der Staat und das Bundesland Steiermark die “maximal verfügbaren Ressourcen” einsetzen, um das Menschenrecht auf den höchsten erreichbaren Gesundheitzustand zu garantieren.

Bei einer ständig steigenden Produktivität kann keine Rede davon sein, dass der Staat und das Bundesland Steiermark die “maximal verfügbaren Ressourcen” einsetzen, um das Menschenrecht auf den höchsten erreichbaren Gesundheitzustand zu garantieren.

Bei ständig wachsenden Profiten kann keine Rede davon sein, dass der Staat und das Bundesland Steiermark die “maximal verfügbaren Ressourcen” einsetzen, um das Menschenrecht auf den höchsten erreichbaren Gesundheitzustand zu garantieren.

Im Gegenteil: Die von Hrn. Voves und seiner Truppe geplanten Maßnahmen sind menschenrechtswidrig. Sie werden die Ungleichheit in der Gesellschaft verstärken und damit nicht nur den Zugang zu den für den höchsten erreichbaren Gesundheitszustand notwendigen Einrichtungen, Güter und Dienste einschränken, sondern durch die Ungleichheit selbst die Gesundheit der breiten Bevölkerung gezielt zugunsten der wenigen Reichen verschlechtern.

Wo eine Landesregierung Menschenrecht mit Füßen tritt, ist harter, unbeugsamer und langfristiger Widerstand vonnöten.

Eine Demonstration wird zuwenig sein.

Es gibt noch viel wirksamere Möglichkeiten, unser Recht auf Gesundheit einzufordern.

Fußnoten

[1] siehe dazu etwa Pickett et al. 2005, Pickett et Wilkinson 2007, Pickett et Wilkinson 2009, Wilkinson et Pickett 2009; bezüglich der verantwortlichen Mechanismen gibt es eine wissenschaftliche Debatte, vgl. z.B. Lynch et al. 2000

Literatur

Lynch J.W., Smith G.D., Kaplan G.A., House J.S. (2000): Income inequality and mortality: importance to health of individual income, psychosocial environment, or material conditions. British Medical Journal 320: 1200-1204.

Pickett K.E., Kelly S., Brunner E., Lobstein T., Wilkinson R.G. (2005): Wider income gaps, wider waistbands? An ecological study of obesity and income inequality. J. Epidemiol. Community Health 59: 670-674.

Pickett K.E, Wilkinson R.G. (2007): Child wellbeing and income inequality in rich societies: ecological cross sectional study. British Medical Journal 335(7629): 1-7

Pickett K.E, Wilkinson R.G. (2008): Income Inequality and Socioeconomic Gradients in Mortality. American Journal of Public Health 98(4): 699-704

Wilkinson R.G., Pickett K.E. (2009): Income Inequality and Social Dysfunction. Annu.Rec.Sociol. 2009(35): 493-511.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Aktionen solidarisch g'sund

7 Antworten zu “Voves bricht Menschenrecht. Streik gegen 25%-Kürzung ist Recht

  1. Lieber Andreas!

    Bei der ersten Universellen Menschenrechtsprüfung (Universal Periodic Review – UPR) Österreichs haben ja auch einige StaatenvertreterInnen die mangelnde Umsetzung der “sozialen Menschenrechte” und Portugal hat die Ratifizierung des Zusatzprotokoll, das Individualklagen ermöglichen würde, vorgeschlagen/gefordert. Österreich hat in Genf all diese Anregungen auf die Warteliste gesetzt und vor kurzem mitgeteilt, dass es nicht gedenkt, den Anstegungen/Forderungen nachzukommen. Mitte Genf wird noch eine kurzes Session in Genf sein, bis dahin ist noch Zeit Protest einzulegen. Wer macht mit? Bitte meldet Euch bei uns: kontakt@aktive-arbeitslose. Wir wollen eine E-Mail-Aktion machen sowie wenn möglich eine Aktion im Realraum. Nächste Gelegenheit die sozialen Menschenrechte UN-mässig einzufordern gibt es dann wieder in 4 Jahren …

    Mehr in unseren Beiträgen zur UPR

    http://www.aktive-arbeitslose.at/menschenrechte/UPR/

  2. Ich werde das der Solidarisch G’sund Gruppe vorschlagen und hoffe, dass wir eine gemeinsame Stellungnahme dazu zustande bringen. Das Anliegen scheint mir sehr zielführend. Danke für die Initiative!

  3. Mensch

    finde das super, dass in Österreich auch endlich jemand auf dieser Ebene das Menschenrecht auf Gesundheit diskutiert. Der Pakt ist eine tolle argumentative Absicherung für etwas, das politisch eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Nämlich das eigene Recht auf Gesundheit zu behaupten und durchzusetzen.

    Leider findet sich gerade in Österreich genug Jurist/innen, die meinen ihr Sanktus wäre dazu notwendig. Soziale Rechte könnten ihrer herrschenden Ansicht nach schon rein logisch nicht denselben Status haben wie bürgerliche. Die rechtliche Realität ist aber eine andere.

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